4. November 2023

Das Nichtbildliche tanzt mit dem Bildlichen und heult den Mond an

Referenzausgaben von Stephen Kings und Bernie Wrightsons Teamworks „Der Werwolf von Tarker Mills“ und „Creepshow“

Lesezeit: 6 min.

„Doch von dem Trunkenbolde wißt ihr nicht, / Dem in der kalten Weihnacht am Gesicht / Das Tier gefressen, daß am heil’gen Tag / Er wund und scheußlich überm Schneee lag; / Zog von der Schenke aus, in jeder Hand / ‚ne Flasche, die man auch noch beide fand; / Doch wo die Wangen sonst, da waren Knochen, / Und wo die Augen, blut’ge Höhlen nur; / Und wo der Schädel hier und da zerbrochen, / Da sah man deutlich auch der Zähne Spur.“ Schon in den 1840er Jahren lässt es keine Geringere als Annette von Droste-Hülshoff in ihrer Werwolf-Ballade Der Loup Garou ordentlich splattern, nicht weit von Sätzen wie „Fast spielerisch fährt ihm die Bestie mit der Klaue ins Gesicht und reißt ihm die rechte Wange weg“ oder „[M]it weit aufgerissenen Augen rollt sein Kopf unter den Peterbilt, und die Flasche Bourbon entgleitet seinen zuckenden Händen, als die Bestie ihre Schnauze in seinen Halsstumpf wühlt und zu fressen anfängt“ entfernt. Letztere werden ungefähr 140 Jahre später geschrieben und sind Stephen Kings „Der Werwolf von Tarker Mills“ entnommen, der 1983 im amerikanischen Original als Cycle of the Werewolf und 1985 erstmals auf Deutsch als Das Jahr des Werwolfs erschien.

Uralt ist das Werwolf-Motiv selbstredend bereits in Droste-Hülshoffs 19. Jahrhundert. Seit allerspätestens Ovids Metamorphosen sind diverse Varianten haariger Zwitterwesen und Gestaltenwandler fester Bestandteil von Mythologie, Volksglauben, Sagen und den grafischen Künsten. Statt auszusterben, startet die Lykanthropie in der (vor allem filmischen) populären Genre-Kultur erst richtig durch, während sie in der Literatur eher am unauffälligeren Rand vorkommt und eigentlich nur Guy Endores Der Werwolf von Paris so etwas wie Klassikerstatus behaupten kann – über diesen nach wie vor prima lesbaren und lesenswerten Bestseller-Smash-Hit von 1933 wird gern gesagt, er sei für literarischen Werwolf-Horror das, was Bram Stokers Dracula (1897) für den Vampirroman ist. Wo dem Wolfsmenschen ein buchstäbliches Gesicht gegeben wird, geht deutlich mehr – Filme und Comics scheinen besser zu der diesem Monstertypus immanenten Notwendigkeit zu passen, sich zu zeigen, nicht nur geglaubt, sondern auch gesehen zu werden. Einschließlich der (siehe oben) vom Werwolf notwendigerweise angerichteten gory details.

Hier kommt Stephen King (im Shop) ins Spiel, denn dessen Ungeheuer, wie Dietmar Dath feststellt, „stammen fast alle aus allgemein zugänglichen Motivarchiven zwischen Sagenschatz, Märchenvorrat und urban legend.“ Sie sind – flapsiger formuliert – selten originell, was aber nichts macht, führen sie doch im Rahmen von Kings wiederholt angegangenem Projekt, klassische Horror-Stoffe in ein Gegenwartssetting zu verpflanzen und dadurch zu generalüberholen, bisweilen zum für die jüngere Genreliteratur beispielhaften Vampir-Horror (Brennen muss Salem), Spukhaus-Horror (Shining) und Monster-Horror (Es). Da King seine Einflussangst freudig bejaht und unter keinerlei Originalitätszwang steht, kann er umso entspannter herumspielen und dort mit dem Experimentieren beginnen, wo die Sache mit dem Monsterpersonal durch dessen Traditionsbezug hinreichend geklärt ist.

Womöglich ist Der Werwolf von Tarker Mills allein seines schmalen Umfangs wegen ebenfalls ein beispielhafter Vertreter des monstertypologischen Subgenres, zu dem er gehört; im Sinne von: Verdichtung, Komprimierung, mehr gibt das Motiv strenggenommen nicht her. Die Gattungsfrage ist jedenfalls nicht restlos zu klären: Novelle, modernes Märchen oder Vignetten-Kurzroman sind allesamt irgendwie richtig und hauen gleichzeitig ein grobes Stück daneben. Kollege Christian Endres trifft seinerseits ins Schwarze, wenn er „hübsche pulpige kleine Story“ als Klassifikation anbietet. Und wie wäre es mit Prosa-Ballade? Schließlich handelt es sich bei der Ballade um ein szenisch erzählendes Gedicht, und so würden sich Kings Tarker-Mills-Wolf und Droste-Hülshoffs Loup Garou noch enger aneinander kuscheln können… Für gewöhnlich wird der Werwolf als Kalendergeschichte gehandelt, und das ist bei einem Jahresritt durch zwölf Vollmondnächte definitiv nicht falsch.

Doch bis zu dieser Stelle hat man noch kein einziges Wort über Bernie Wrightson (1948-2017) verloren. Stephen King arbeitet bekanntlich nicht immer allein, sondern hegt eine regelmäßige Vorliebe für Kollaborationen, bei denen er stets (abermals in den Worten Dietmar Daths) „Dialogbereitschaft, Flexibilität und Arbeitsteilungsintelligenz bewiesen hat.“ Dazu wiederum passt, dass sich Kings Schaffen nicht nur freimütig bekennend aus der schauerliterarischen Tradition speist, sondern – hier kommt die Form ins Spiel – in ebenbürtigem Maß dem filmischen und grafischen Horror verpflichtet ist. Heraus kommt ein Stil, dessen unmittelbar drehbuchtaugliche Anschaulichkeit durch (ein letztes Mal Dath) „eine Art Gegenüberstellung von Bildlichem und Nichtbildlichem, wie sie sonst das Medium »Comic« prägt“, ergänzt wird.

Es liegt also nahe, dass der King of Horror mit dem King of Comic-Horror kooperiert, um seinem Kleinstadt-Werwolf ein Antlitz zu verleihen und die visuell-grafische Kunst in seine formale Experimentierfreude bzw. die Pulp-Vignetten-Kalender-Horror-Ballade einzuschließen. Auch Wrightson griff mit seinem unverwechselbaren Strich, den plastischen Physiognomien und der ultraaufwendigen Schraffur-Technik mit Vorliebe auf die klassische Monster-Typologie zurück. Neben seinen legendären Frankenstein-Illustrationen und diversen Lovecraft- und Poe-Adaptionen wandert er (zusammen mit Len Wein) im originalen Swamp-Thing-Run ab 1972 zehn Hefte lang die entsprechenden Stationen ab: Das Ding aus dem Sumpf trifft nacheinander auf u.a. Frankensteins Ungeheuer, den Wolfsmenschen, die Hexe, kosmische Glibber-Tentakel und den Außerirdischen. Wrightson bringt sie allesamt jeweils ultimativ in Erscheinung, wie es außer ihm vielleicht nur noch Frank Frazetta (1928-2010) verstand.

Erst die jedem Abschnitt vorangestellten, doppelseitigen, schwarzweißen Landschaftspanoramen (deren Raum und Atmosphäre das markieren, was um die Kleinstadt herum liegt, gewissermaßen ein Außen oder Drumherum der Ereignisse – wilde Natur, Wald, abgelegene Farmhäuser, vermoderte Scheunen etc.) sowie die zwölf hinreißenden Farbtafeln machen den Werwolf von Tarker Mills so richtig rund. Eleganter kann man das Bildliche und Nichtbildliche kaum miteinander tanzen lassen; erst im Duett von Autor und Zeichner hört man die Kreatur den Mond anheulen.

All dem wird die prächtige Gestalt, die der Bielefelder Splitter Verlag dieser wohl schönsten aller King-Teamarbeiten 40 Jahre nach dem Erscheinen des Originals verleiht, gerecht wie wahrscheinlich keine andere Ausgabe weltweit (auch in den USA ist gegenwärtig nur ein schnödes Paperback greifbar). Das Format ist üppiger (Bernies Wrightsons Zeichnungen gehören unbedingt zu jenen, die nicht absaufen, sondern noch gewinnen, wenn man sie vergrößert reproduziert), wobei die gegenüber früheren Ausgaben dezent lichteren Farben Details und Dynamik verstärken; daneben wird erstmal ein ausführliches und trocken-launiges Vorwort Stephen Kings zur Genese des Buchs zugänglich (warum allerdings aus Tarker’s Mills in den deutschen Versionen inzwischen Tarker Mills geworden ist, bleibt so rätselhaft wie der Umstand, dass sich der Reverend Lester Lowe nach dem Pflücken seltsamer Blumen bei Vollmond in eine Bestie verwandelt).

Splitter schärft sein Profil schon seit einigen Jahren nicht zuletzt durch vorbildliche Klassiker-Kanon-Pflege und meint es ernst mit seinen Referenzausgaben, erschien doch vor zwei Jahren dort bereits auf ähnlich beispielhaftem Buchgestaltungsniveau Creepshow“, jene andere King-Wrightson-Kollaboration, die in eher rarer Variation der weitgehend ausgestorbenen Subgattung „Der Roman zum Film“ George A. Romeros Fünf-Episoden-Hommage an die EC-Horror-Comics der frühen 1950er Jahre als Comic adaptiert und ungefähr ein Jahr älter als der Werwolf ist. Wie Sven Jachmann in seinem info- und gedankenreichen Nachwort schreibt: „Der Film ist ein visuelles und narratives Versuchslabor, Romero experimentiert mit den filmstilistischen Pendants zur Bildsprache des Comic.“ Was King und Wrightson dann wieder in den Comic rückübersetzen – crossmediales Power-Netzwerken, bei dem nun eine dritte Kunstform mittanzt. Eventuell ist Stephen King doch kein ganz so schlichter und berechenbarer Stilist, wie gern behauptet wird. Dieses Buch-Doppel sollte einem eigentlich in mehrerlei Hinsicht die Augen aufreißen.

Stephen King: Der Werwolf von Tarker Mills. Kalendergeschichten. Illustriert von Bernie Wrightson • Aus dem amerikanischen Englisch von Helmut W. Pesch • Splitter Verlag, Bielefeld 2023 • Hardcover • 136 Seiten • € 25,-

Stephen King’s Creepshow. Nach dem Kultfilm von George A. Romero. Illustriert von Bernie Wrightson • Aus dem amerikanischen Englisch von Jonny Schmidt • Splitter Verlag, Bielefeld 2021 • Hardcover • 72 Seiten • € 19,80

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